Mir geht's nicht so gut mit der Pensionierung

Gut, dass Du hier bist. Für die meisten Menschen ist die Pensionierung eine grosse Umstellung. Nach dem Ende der Berufstätigkeit fühlen sich viele unwohl. Darüber reden tut gut. Diese Gesprächstipps helfen dir dabei.

Mit dem Ende der Berufstätigkeit gibt es plötzlich statt Alltagsstress auch leere Zeit. Im Haus ist es vielleicht ruhig geworden, seit die Kinder aus dem Haus sind. Jeder fühlt sich nach einer solchen Veränderung allein oder traurig, ist lustlos oder vermisst es, gebraucht zu werden. Nach Beginn des Ruhestands können sich solche Gefühle häufen und sogar krank machen.

Hast Du schon über mehrere Wochen oder gar Monate plötzlich

  • Mühe mit Deinem Haushalt,
  • magst nicht mehr rausgehen,
  • schläfst schlecht,
  • oder machst Dir Sorgen um die Zukunft?

Dann ist es Zeit, etwas zu unternehmen.

Reden hilft

Über Probleme, Ängste und Unsicherheiten zu reden ist der erste Schritt zur Besserung. Tust Du nichts, kann sich Deine Krise verschlimmern und du kannst ernsthaft krank werden. Es ist darum wichtig, darüber zu reden, wenn es Dir nicht gut geht.

Gespräche entlasten und geben Kraft

Gespräche allein lösen keine Probleme in Luft auf. Aber sie entlasten und sie machen möglich, dass du Hilfe bekommst oder wieder Hoffnung schöpfst.

Es ist normal, dass du dich unsicher fühlst

Viele Menschen haben Angst, über persönliche Probleme zu sprechen. Vielleicht, weil sie fürchten, als Spinner oder Versagerin zu gelten. Möglicherweise, weil sie sich schuldig fühlen und denken, sie hätten sich besser auf die Pensionierung vorbereiten sollen.

Es ist aber ein Zeichen von Stärke, wenn man auch über Schwächen spricht.

Nachdem ich John verloren hatte, schien mir das Kochen sinnlos und manchmal mochte ich mich nicht mal waschen.

Jennys Geschichte (in englischer Sprache, Quelle: Royal College of Psychatrists)

Der grosse Auslöser war, dass ich dachte, ab jetzt muss ich immer meine Mutter pflegen.

Ines (Quelle: Blaues Kreuz)

Gespräch herbeiführen

Suche jemanden, dem Du vertraust

Es muss nicht immer jemand im nächsten Umfeld sein, manchmal fällt es leichter, mit jemandem zu sprechen, der etwas Abstand hat, z.B. mit einer Cousine, dem örtlichen Pfarrer oder einem Nachbarn. Wenn du dich über längere Zeit schlecht fühlst und leidest, ist es wichtig, dass du dir bei einer Vertrauensperson Hilfe holst. Das können deine erwachsenen Kinder sein, dein Hausarzt oder eine Spitex-Betreuerin.

Überlegen Dir einen geeigneten Zeitpunkt

Gespräche mit Tiefgang nehmen Zeit in Anspruch. Beginne also kein Gespräch, wenn Du oder Dein Gegenüber nach 10 Minuten wieder losmüssen. Manchmal hilft es zu fragen, wann die Person Zeit für ein Gespräch hat.

Ich möchte gerne in Ruhe etwas mit dir besprechen. Wann hättest du mal Zeit?

Finde einen geeigneten Ort

Ihr solltet ungestört sein und euch beide wohlfühlen. Vielen Menschen fällt es im Gehen leichter, über schwierige Dinge zu sprechen. Allenfalls könnte ein Spaziergang eine gute Gelegenheit sein. Auch eine Parkbank könnte der ideale Ort sein.

Was meinst du, wir könnten doch zusammen spazieren gehen oder einfach mal einen Kaffee trinken?

Übrigens:

Es muss nicht immer als erstes ein persönliches Gespräch sein. Wenn Du erstmal anonym einen Versuch machen möchtest, findest Du am Ende der Seite geeignete Anlaufstellen.

Tipps fürs Gespräch

Vielleicht schweigt Dein Umfeld aus Unsicherheit

Fragst Du Dich, warum es keinem Deiner Freunde oder Familienmitglieder auffällt, dass es Dir schlecht geht? Dahinter steht meistens nicht mangelndes Interesse oder Gleichgültigkeit. Viele Menschen haben Angst, sie könnten Dir zu nahe treten oder Dich verletzen, wenn sie Dich auf mögliche Probleme ansprechen. Oder sie wissen einfach nicht, wie sie das Gespräch beginnen sollen.

Für Dein Umfeld wird es einfacher, wenn du das Gespräch suchst

Wenn Du über Deine Gefühle sprichst und versuchst zu benennen, was Dir helfen könnte, gibst Du deiner Familie und deinen Freunden eine Handlungsmöglichkeit.

Es ist OK, wenn es nicht klappt

Es ist möglich, dass Dein Gegenüber nicht auf Deinen Gesprächswunsch einsteigt. Auch wenn es nicht einfach ist: Nimm es nicht persönlich. Vielleicht ist die Person gerade mit etwas anderem beschäftigt oder fühlt sich überfordert. Frag, wann ein guter Moment wäre oder wende Dich an eine andere Person.

Ok, das verstehe ich. Wann würde es dir wieder besser passen?

Das ist wichtig im Gespräch

So könntest Du anfangen:

In letzter Zeit fühle ich mich nicht so gut

Mir geht es nicht besonders. Kann ich mal mit dir darüber reden?

Ich habe im Moment einige Probleme und es täte mir gut, wenn mir jemand zuhören würde.

Versuche, verständlich zu machen, wie es Dir geht

Dein Gegenüber kann Deine Gedanken nicht lesen und Deine Gefühle nicht spüren. Je mehr Du von Dir erzählst, umso leichter fällt es Deinem Gegenüber Verständnis zu entwickeln. Verstanden zu werden entlastet.

Schweigen aushalten

Im Gespräch über schwierige Situationen fehlen manchmal allen die Worte. Lass Pausen und Schweigen zu. Manchmal hilft auch die Aussage

Ich weiss jetzt auch grad nicht, was sagen.

um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

Eigene Grenzen ernst nehmen

Wenn du spürst, dass es Dir zu viel wird, kannst Du das Gespräch jederzeit abbrechen. Du könntest sagen:

Ich merke, dass mir gerade alles zu viel wird. Ich würde lieber ein anderes Mal darüber sprechen.

Ärgere Dich nicht über unbrauchbare Lösungsvorschläge

In der guten Absicht Dir helfen zu wollen, macht Dein Gegenüber vielleicht viele Lösungsvorschläge, die Dir im Moment gar nicht weiterhelfen. Versuche, die gute Absicht hinter den Ratschlägen zu sehen. Du könntest sagen:

Du musst mir keine Lösungsvorschläge machen, es hilft nur schon, dass du mir zuhörst.

oder

Ich überlege mir, was du gesagt hast und komme darauf zurück, wenn ich das Gefühl habe, es könnte mir helfen.

Rückmeldungen geben

Du kannst davon ausgehen, dass Dein Gegenüber unsicher ist, ob er oder sie sich im Gespräch richtig verhält. Sag, wenn Du Dich wohlfühlst, das erleichtert das Gespräch. Du könntest zum Beispiel sagen:

Es tut mir sehr gut, dass du mir zuhörst.

Erbitte praktische Hilfe, wenn möglich

Niemand kann auf Knopfdruck alle Probleme für dich lösen. Aber bereits kleine Dinge wie zum Beispiel ein gemeinsamer Jassabend oder Unterstützung bei alltäglichen Besorgungen können Erleichterung bringen. Wenn du weisst, was dir helfen könnte, dann sag es Deinem Gegenüber: Zu wissen, wie man Dich unterstützen kann, ist hilfreich.

Die Grenzen des Gegenübers akzeptieren

Im Idealfall triffst du bei Deinem Gegenüber auf ein offenes und verständnisvolles Ohr. Es kann aber auch sein, dass die andere Person überfordert ist. Respektiere das. Vielleicht ist dies auch der Moment, Dich an eine Fachperson zu wenden.

Nach dem Gespräch

Gespräche alleine helfen nicht immer

Mit den Menschen in Deinem Umfeld zu sprechen ist sicher entlastend und wichtig. Aber oft ist es nicht genug.

Lassen Dich auf eine Fachperson ein

Geht es dir über längere Zeit nicht wieder besser, lass dir von einer Fachperson helfen. Vielleicht ist eine Erkrankung Grund für deine Probleme. Je früher du dann professionelle Hilfe suchst, desto rascher wirst Du wieder gesund. Denn psychische Erkrankungen sind behandelbar.

Körper und Psyche beeinflussen sich gegenseitig

So können z.B. Magenprobleme und Müdigkeit Ausdruck von psychischen Beschwerden sein. Umgekehrt kannst Du über den Körper Dein psychisches Gleichgewicht verbessern – auch wenn du weniger beweglich bist wie früher. Auch hierbei kann Dich Dein Gesprächspartner unterstützen.